Die Frage „Wann ist eine physikalische Theorie hier anwendbar?“ ist keine Frage, die die Physik selbst beantwortet. Sie ist eine vorgängige Frage — eine präphysikalische Frage. Ihre Beantwortung verlangt einen disziplinären Modus, der sich sowohl von der Physik im engeren Sinn als auch von klassischer Wissenschaftsphilosophie sowie von Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsgeschichte unterscheidet.
„Präphysik ist keine Kritik an der Physik. Sie ist die systematische Untersuchung jener Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor eine physikalische Beschreibung legitim angewandt werden kann — jener Infrastruktur also, die die Physik voraussetzt, aber nicht selbst bereitstellt.“
Das Programm der Anwendbarkeitsdiagnostik ist ein systematischer Versuch, diese Einsicht zu operationalisieren: Sie aus einer philosophischen Beobachtung in ein diagnostisches Instrument mit bestimmten Ausgängen zu überführen — Urteilen (PASS / OPEN / FAIL), die reproduzierbar, auditierbar und mit neuer Evidenz aktualisierbar sind.
Das Programm baut auf Arbeiten von Nancy Cartwright, Margaret Morrison, Michael Weisberg, Roman Frigg, Michela Massimi sowie den Beiträgen des Bandes Philosophy of Astrophysics (Boyd et al., 2023) auf — Forschenden also, die gezeigt haben, dass das Verhältnis von Theorie und Anwendung in der Physik weder transparent noch selbstlizenzierend ist. Der Beitrag der Anwendbarkeitsdiagnostik besteht darin, diese Einsicht in ein arbeitsfähiges diagnostisches Instrument zu überführen.
Das Buch und seine zugrunde liegenden Arbeiten richten sich primär an Physikphilosoph:innen und Wissenschaftsphilosoph:innen, sekundär an Kosmolog:innen und theoretische Physiker:innen mit methodologischem Interesse und im KI-Kapitel an Forschende, die sich mit dem epistemischen Status maschinell erzeugter physikalischer Ansprüche befassen.